“Made in India“: Ökostoffbeutel wird in Unterhaching zum Politikum

Kleines Etikett, große Diskussion: In Unterhaching scheiden sich an den Öko-Stoffbeuteln der Gemeinde die Geister. Fast hätte sich daraus sogar ein Wahlkampfthema entwickelt.

Unterhaching – Dass sich die 15 Jahre alte Tochter unseres Redakteurs kaum noch vom Stoff-Turnbeutel der Gemeinde Unterhaching trennen mag, liegt unter anderem am eingenähten Etikett mit dem grün-blauen Logo „Fairtrade Cotton“. Fair gehandelte Baumwolle also. Doch dann folgte ein Leserbrief. Darin prangert eine Unterhachingerin genau diese bei der kommunalen Klimawoche verteilten Stoffbeutel an – wegen des Etiketts „Made in India“. Wo denn bei diesem Transportweg der Klimaschutz bleibe? Außerdem denke sie dauernd „an die bedauernswerten Kinder, die das für einen Hungerlohn nähen mussten“.

Stoffbeutel lösen Diskussion bei Facebook aus

Und plötzlich kam die Politik ins Spiel, denn in dem Leserbrief pries die Unterhachingerin eine angeblich umweltbewusstere Alternative an: den „rebeutel“ aus Recyclingmaterial regionaler Einrichtungshäuser – den habe sie von der CSU-Bürgermeisterkandidatin Renate Fichtinger erhalten. Diese wiederum teilte auf ihrer Facebookseite kurzzeitig ein Foto des Lesersbriefs, das anderweitig fleißig diskutiert wurde. Nämlich in der Facebook-Gruppe „Unser Unterhaching“.

Diese Facebook-Gruppe ist noch relativ neu – sie wurde erst vor einigen Wochen gegründet. Und zwar von Lärmschutz-Aktivistin Catia Hilgart, die auf der CSU-Liste für den Gemeinderat kandidiert und als erbitterte Gegnerin von SPD-Bürgermeister Wolfgang Panzer gilt. Welcher das „Corpus delicti“, den Stoffbeutel, persönlich auf dem Wochenmarkt verteilt hatte.

Dass auf dieser „zensurfreien Gruppenseite“ (so der Untertitel), die mit Catia Hilgart nur eine Administratorin hat, Stimmung für die CSU und gegen die SPD-geführte Gemeinde gemacht wird, lässt sich anhand der Beitrags- und mitgliederstruktur leicht erkennen. Und so wurde ein vermeintlich harmloser Stoffbeutel plötzlich zum Politikum. Die Frage, die viele nun beschäftigt, lautet: Gibt es gute und schlechte Stoffbeutel?
Made in India, aber Fairtrade

Was tatsächlich stimmt: „Ja, unsere Gemüse- und Turnbeutel sind in Indien produziert worden“, bestätigt Rathaus-Sprecher Simon Hötzl auf Nachfrage des Münchner Merkur. Wobei es auch hier Unterschiede gibt: Die Turnbeutel vertreibt die „memo AG“ aus Preußenheim, die Gemüsenetze „Mister Bags“ aus Essen. So oder so, es handelt sich um mehrfach zertifizierte Produkte.

Auf zweieinhalb DIN A4-Seiten skizziert die Umwelt- und Klimaschutzchefin der Gemeinde, Leonie Pilar, die Details. Zum Label „Made in India“ führt sie aus, dass weltweit rund 80 Länder Baumwolle anbauen würden, aber nur 18 davon Biobaumwolle. Und 50 Prozent dieser Biobaumwolle stamme aus Indien. „Etwa 75 Prozent der Baumwoll-Produzenten sind Kleinbauern, die wenige Hektar bewirtschaften und deren Erträge zumeist nicht ausreichen, um sich und ihre Familien zu ernähren“, sagt Pilar. „Darum ist es wichtig, als Basis eine stabile Existenzgrundlage zu schaffen und Fluchtursachen zu bekämpfen.“ Mit dem Fairtrade-Siegel sei dies gewährleistet: „Fairtrade zahlt zertifizierten Produzenten einen Mindestpreis, der unabhängig vom Weltmarktpreis festgelegt ist.“ Ausdrücklich verboten sei „Kinderarbeit sowie Zwangsarbeit“. In den Fairtrade-Standards würden grundlegende Arbeitnehmerrechte festgeschrieben sowie Umweltaspekte beachtet wie Biodiversitätsschutz, Wasserschutz und Pestizidverbote. Weitere Siegel der Unterhachinger Beutel sind „Blauer Engel“ (berücksichtigt soziale Kriterien bei der Rohstoffgewinnung) und „Global Organic Textile Standard“ (GOTS), der hohe Anforderungen entlang der gesamten Produktionskette definiert. Auch sind die Gemeinde-Beutel vegan.

Die Debatte hat auch etwas Gutes

Letztlich, sagt Rathaus-Sprecher Simon Hötzl, gebe es zwei Ansätze: den regionalen, wie bei CSU-Kandidatin Renate Fichtinger, und den globalen, für den die Gemeinde sich bewusst entschieden habe. „Wir investieren in faire Arbeits- und Handelsbedingungen in Entwicklungsländern, tragen dadurch zur Vermeidung von Kinderarbeit bei“, entgegnet Hötzl dem Vorwurf aus dem Leserbrief.

Und was meint Renate Fichtinger dazu, die über ihre verteilten Beutel aus regionaler Produktion unfreiwillig in die Debatte hineingezogen wurde? „Beide Ansätze sind sinnvoll und haben ihre Berechtigung“, sagt die Bürgermeisterkandidatin der CSU.

Die etwas kuriose Debatte habe letztlich etwas Gutes, findet Simon Hötzl: „Denn sie trägt dazu bei, dass die Menschen sich Gedanken machen über Klimawandel.“ Wenn Jugendliche den Gemeindebeutel cool fänden, habe man etwas richtig gemacht. Was auch die Nachfrage zeige: „Wir müssen schon wieder neue Beutel nachbestellen.“